Das Ergebnis je Aktie, kurz EPS, verbindet Unternehmensgewinn und Aktienzahl. Die Kennzahl wirkt einfach, kann aber aus drei sehr verschiedenen Gründen steigen: Das Unternehmen verdient mehr, die Zahl der Aktien sinkt oder ein Sondereffekt erhöht den ausgewiesenen Gewinn. Erst eine Überleitung zeigt, welcher Treiber tatsächlich wirkte.
Für den Vergleich müssen außerdem unverwässertes und verwässertes EPS sowie fortgeführte und aufgegebene Geschäftsbereiche auseinandergehalten werden.
Der Zähler ist nicht automatisch der Konzerngewinn
Für das EPS zählt grundsätzlich der Gewinn, der den Stammaktionären der Muttergesellschaft zuzurechnen ist. Anteile anderer Gesellschafter, Vorzugsdividenden oder andere Ergebniszuordnungen können den Konzerngewinn verändern, bevor er in die Rechnung eingeht.
Suchen Sie im Geschäftsbericht die Überleitung zum EPS. Eine einzelne Gewinnzeile aus der Pressemitteilung kann auf einer anderen Definition beruhen als die geprüfte Kennzahl im Abschluss.
Prüfen Sie, ob das Unternehmen einen Verlust ausweist. Ein negatives EPS wird nicht durch eine optisch günstige Aktienzahl zu einer tragfähigen Ertragskennzahl.
Im Nenner steht eine gewichtete Durchschnittszahl
Der Jahresendbestand der Aktien wäre irreführend, wenn eine Kapitalmaßnahme erst im Dezember stattfand. Deshalb verwendet die EPS-Rechnung eine zeitgewichtete durchschnittliche Zahl ausstehender Aktien.
Hat ein Unternehmen im ersten Halbjahr 100 Millionen und nach einer Kapitalerhöhung im zweiten Halbjahr 120 Millionen Aktien, beträgt der vereinfachte gewichtete Nenner 110 Millionen. Die Schlusszahl 120 Millionen würde den Gewinn des ersten Halbjahrs zu stark verwässern.
Eigene Aktien werden regelmäßig nicht wie voll ausstehende Aktien behandelt. Zeitpunkt von Rückkauf, Einziehung und Wiederverwendung beeinflusst die Gewichtung.
Unverwässertes EPS zeigt die heute ausstehenden Stammaktien
Das unverwässerte Ergebnis je Aktie basiert auf dem zurechenbaren Gewinn und der gewichteten Zahl der tatsächlich ausstehenden Stammaktien. Es beantwortet, wie viel Periodenergebnis rechnerisch auf jede dieser Aktien entfällt.
Die Kennzahl ist keine Barausschüttung. Das Unternehmen kann den Gewinn investieren, Schulden tilgen oder als Dividende verwenden. Ein EPS von 2 Euro bedeutet nicht, dass 2 Euro ausgezahlt werden.
Auch der Aktienkurs folgt nicht mechanisch dem EPS. Erwartungen zu künftigem Wachstum, Risiko, Zinsen und Kapitalbedarf bestimmen die Bewertung.
Verwässertes EPS berücksichtigt mögliche neue Aktien
Optionen, Wandelanleihen und andere Instrumente können künftig zusätzliche Aktien erzeugen. Das verwässerte EPS zeigt unter festgelegten Annahmen, wie die Kennzahl aussehen würde, wenn verwässernde Instrumente wirksam würden.
Nicht jedes potenzielle Instrument wird einbezogen. Würde seine angenommene Ausübung das EPS erhöhen oder einen Verlust je Aktie verringern, wäre es in dieser Periode nicht verwässernd und wird nach den Rechnungslegungsregeln entsprechend behandelt.
Lesen Sie Zahl und Art der Instrumente im Anhang. Eine kleine Differenz zwischen unverwässert und verwässert kann sich bei steigendem Aktienkurs später verändern.
Aktienoptionen wirken nicht immer mit ihrer vollen Stückzahl
Bei Optionen wird vereinfacht berücksichtigt, dass das Unternehmen aus der angenommenen Ausübung Geld erhalten würde und damit theoretisch Aktien zum durchschnittlichen Marktpreis zurückkaufen könnte. Nur der verbleibende Nettoeffekt verwässert.
Liegt der Ausübungspreis deutlich über dem Marktpreis, sind die Optionen wirtschaftlich zunächst nicht attraktiv. Bei einem später steigenden Kurs kann sich das ändern.
Prüfen Sie Laufzeiten, Ausübungspreise und Bedingungen der Mitarbeiterprogramme. Die maximale Zahl genehmigter Optionen ist nicht identisch mit der heutigen rechnerischen Verwässerung.
Wandelanleihen verändern Zähler und Nenner
Bei einer angenommenen Wandlung entstehen zusätzliche Aktien. Gleichzeitig würden bestimmte Zinsaufwendungen nach Steuereffekt entfallen. Eine korrekte Verwässerungsrechnung passt deshalb nicht nur den Nenner, sondern auch den Gewinn an.
Vergleichen Sie Wandlungspreis, Laufzeit und Rang der Anleihe. Eine potenzielle Verwässerung kann mit einem sinkenden Finanzierungsaufwand verbunden sein und ist nicht allein als Stückzahl zu bewerten.
Das Unternehmen sollte die Überleitung von unverwässertem zu verwässertem EPS nachvollziehbar ausweisen.
Rückkäufe heben den Quotienten ohne operatives Wachstum
Ein Unternehmen verdient 100 Millionen Euro bei 100 Millionen Aktien. Das EPS beträgt 1 Euro. Sinkt die gewichtete Aktienzahl auf 97 Millionen, steigt es bei unverändertem Gewinn auf rund 1,031 Euro.
Dieser Anstieg von gut 3 Prozent stammt vollständig aus dem Nenner. Umsatz, Marge und Gesamtgewinn haben sich nicht verbessert. Der Rückkauf kann trotzdem wertvoll sein, wenn er günstig finanziert und zu einem vernünftigen Preis durchgeführt wurde.
Prüfen Sie die Nettoaktienzahl nach Mitarbeitervergütung und neuen Emissionen. Ein Bruttorückkauf von 5 Prozent mit 2 Prozent neuer Vergütung ergibt keine dauerhafte Verringerung um 5 Prozent.
Kapitalerhöhungen brauchen eine Pro-forma-Sicht
Neue Aktien senken das EPS zunächst, wenn der zusätzliche Gewinn nicht gleichzeitig entsteht. Eine Kapitalerhöhung kann dennoch Wert schaffen, wenn das aufgenommene Geld rentabel investiert oder eine gefährliche Verschuldung reduziert wird.
Rechnen Sie neben dem berichteten gewichteten EPS eine Pro-forma-Kennzahl mit der neuen vollen Aktienzahl. Sie zeigt, wie hoch der Jahresgewinn je Aktie bei unverändertem Ergebnis nach der Maßnahme wäre.
Ein niedrigeres kurzfristiges EPS beweist daher keine schlechte Kapitalmaßnahme. Entscheidend ist der künftige zusätzliche Gewinn je neu investiertem Euro.
Sondereffekte können den Gewinn stärker als die Aktienzahl bewegen
Unternehmensverkäufe, Wertaufholungen, Steuergutschriften oder Neubewertungen können den Periodengewinn einmalig erhöhen. Wertminderungen, Restrukturierungen und Rechtsstreitigkeiten können ihn senken. Nicht jeder Effekt ist wirtschaftlich belanglos.
Trennen Sie wiederkehrende und nicht wiederkehrende Bestandteile. Eine Restrukturierung, die jedes Jahr neu erklärt wird, gehört möglicherweise zum normalen Kostenbild. Ein großer Veräußerungsgewinn aus einem einmaligen Geschäftsverkauf trägt dagegen nicht die künftige Ertragskraft.
Verwenden Sie die im Abschluss ausgewiesene Zahl als Ausgangspunkt und dokumentieren Sie jede eigene Anpassung. Ein vollständig „bereinigtes“ Wunsch-EPS ohne belastbare Überleitung ist wertlos.
Fortgeführte Geschäftsbereiche geben den besseren Ausblick
Wurde ein bedeutender Unternehmensteil verkauft oder als aufgegeben klassifiziert, kann das gesamte Periodenergebnis Aktivitäten enthalten, die künftig nicht mehr beitragen. Das EPS aus fortgeführten Bereichen ist dann für eine Vorschau meist aussagekräftiger.
Prüfen Sie zugleich, ob zentrale Kosten nach der Abspaltung im verbleibenden Unternehmen bleiben. Eine formale Zuordnung kann die tatsächliche Kostenbasis der Zukunft noch nicht vollständig zeigen.
Vergleichen Sie die neue Segmentstruktur mit früheren Jahren, damit ein scheinbarer Wachstumssprung nicht nur aus einer geänderten Darstellung stammt.
Bereinigtes EPS braucht eine Brücke zum Abschluss
Unternehmen veröffentlichen häufig alternative EPS-Kennzahlen. Sie schließen etwa Akquisitionskosten, Abschreibungen auf erworbene immaterielle Werte oder Aktienvergütung aus. Diese Größen können für die operative Analyse helfen, sind aber keine automatisch bessere Wahrheit.
Prüfen Sie, welche Positionen entfernt und ob positive Sondereffekte ebenso konsequent bereinigt werden. Wiederkehrende Aktienvergütung ist wirtschaftlich ein Aufwand, auch wenn sie nicht sofort als Barzahlung erscheint.
Eine gute Analyse zeigt berichtetes EPS, jede Anpassung, bereinigtes EPS und Grund der Änderung in einer Tabelle.
Umsatz, Marge und Cashflow bestätigen die Gewinnqualität
Steigt EPS bei wachsenden Umsätzen, stabilen Margen und entsprechendem operativem Cashflow, ist die Entwicklung breiter abgestützt. Steigt nur das EPS bei sinkendem Umsatz und aggressiven Rückkäufen, liegt eine andere Qualität vor.
Vergleichen Sie Free Cashflow je verwässerter Aktie. Hoher Bilanzgewinn ohne korrespondierenden Zahlungsstrom kann durch Forderungsaufbau, Aktivierungen oder andere Periodenabgrenzungen entstehen.
Auch hohe Investitionen können Cashflow vorübergehend drücken und künftiges Wachstum schaffen. Die Abweichung wird erklärt, nicht automatisch negativ bewertet.
Splits werden rückwirkend vergleichbar gemacht
Bei einem Aktiensplit verändern sich Stückzahl und rechnerische Kennzahlen je Aktie. Damit Vorjahreswerte vergleichbar bleiben, werden EPS und gewichtete Aktienzahl für die dargestellten Perioden entsprechend angepasst. Sonst sähe ein reiner Stückelungseffekt wie ein Gewinneinbruch aus.
Dasselbe gilt für bestimmte unentgeltliche Aktienausgaben und ähnliche Vorgänge. Prüfen Sie, ob die Vergleichszahlen im Geschäftsbericht bereits angepasst sind, bevor Sie eine eigene Wachstumsrate berechnen.
Eine Kapitalerhöhung gegen Einzahlung wird dagegen zeitgewichtet und nicht wie ein rückwirkend neutraler Split behandelt. Dem Unternehmen fließt neues Kapital zu.
Eine Mehrjahresbrücke trennt die drei Wachstumstreiber
Beginnen Sie mit dem EPS des Vorjahres. Zeigen Sie danach den Effekt aus höherem oder niedrigerem Gesamtgewinn, aus geänderter gewichteter Aktienzahl und aus Sondereffekten. Die Summe führt zum aktuellen Wert.
Die in der EU übernommenen IFRS einschließlich IAS 33 bilden den formalen Rahmen für die Kennzahl. Ihre Anlegeranalyse ergänzt diesen Rahmen um Geschäftsqualität und Kapitalallokation.
Berechnen Sie zusätzlich Umsatz und Free Cashflow je verwässerter Aktie. Wachsen alle drei Größen ähnlich, stammt die Verbesserung eher aus dem Geschäft. Läuft nur EPS voraus, wird der Unterschied erklärt.
Prüfen Sie außerdem, ob die Verwässerungsdifferenz von Jahr zu Jahr wächst und welche Instrumente dafür verantwortlich sind.
Die Ursachen hinter der Kennzahl vertiefen Free Cashflow bei Aktien, Aktienrückkäufe als Kapitalverwendung und Bezugsrechte bei einer Kapitalerhöhung.
EPS ist dann nützlich, wenn der Quotient geöffnet bleibt. Ein steigender Wert überzeugt erst, wenn nachvollziehbar ist, wie viel aus echtem Gewinnwachstum, wie viel aus einer kleineren Aktienzahl und wie viel aus einem einmaligen Ergebnis stammt.